„Wisdom of Crowds“ vs. "Crowdsourcing"

7/4/2017
Methode

Vorangetrieben durch das Web 2.0 entstehen zu jeder innovativen Theorie innerhalb kürzester Zeit verwandte Konzepte. Dabei werden Elemente der ursprünglichen Theorie aufgegriffen und neue Gedanken hinzugefügt, wodurch sie sich häufig nur noch schwer voneinander abgrenzen lassen. So auch der Begriff des “Crowdsourcing” – eine Theorie von Jeff Howe, einem Redakteur des Wired Magazines – der 2006 entstand, und von Howe auf seiner Webseite wie folgt definiert wird:

“Crowdsourcing is the act of taking a job traditionally performed by a designated agent (usually an employee) and outsourcing it to an undefined, generally large group of people in the form of an open call” (Jeff Howe 2006).

“Wisdom of the crowd” hingegen wird von Surowiecki zusammenfassend beschrieben als ein Prozess zur Entscheidungsfindung, der das kollektive Wissen einer Gruppe von Individuen berücksichtigt, anstatt sich ausschließlich auf eine einzige Expertenmeinung zu stützen.

 Beide Theorien befassen sich mit der Öffnung der Wertschöpfungskette für die “Crowd”, also der Einbindung einer vorab nicht klar festgelegten Gruppe von Individuen zur Effektivitätssteigerung. Die Crowd ist demnach das wichtigste Asset beider Konzepte. Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass beide Theorien Phänomene des Web 2.0 sind, da das Internet die Transaktionskosten der Einbeziehung der Crowd deutlich senkt. Wie lassen sich die beiden Konzepte also voneinander abgrenzen?

Das Stichwort hier lautet Aggregation. Während beim Crowdsourcing der Input der Crowd nicht zwingend aggregiert wird, bildet die Aggregation der Beiträge der Crowd ein wesentliches Element von Surowieckis Theorie. “Crowd wisdom” kann nur dann effektiv genutzt werden, wenn ein geeigneter Mechanismus zur Aggregation der Einzelurteile angewandt wird. 

Surowiecki stellt insbesondere den Begriff “wisdom” in den Vordergrund. Seiner Ansicht nach sind kollektive Entscheidungen nicht nur effizienter, sondern vor allem auch intelligenter und generell vorteilhaft für die Allgemeinheit. Im Gegensatz dazu sieht Howe den Kernpunkt seiner Theorie im Begriff des “Outsourcing”. Er legt einen besonderen Fokus auf die steigende Effizienz, die sich durch Crowdsourcing ergibt. Einzelne Prozesse der Wertschöpfungskette können kostengünstig und zeitsparend an die Crowd ausgelagert werden. Dies verbessert die Produktivität gesamtheitlich.

Zusammenfassend lässt sich also festhalten, dass bei “crowd wisdom” der Fokus auf der Qualitätssteigerung liegt, die durch die Aggregation der Einzelurteile entsteht. Das Konzept des “Crowdsourcing” stellt hingegen die Steigerung der Effizienz in den Vordergrund. Der Unterschied der beiden Theorien liegt also nicht im Prozess selbst, sondern darin, welcher Schwerpunkt bei der Beteiligung der Stakeholder gesetzt wird: Hohe Qualität des kollektiven Ergebnisses oder effizientes Erreichen eines Outputs.

Unterschiede und Ähnlichkeit lassen sich beispielhaft an der “Red Tape Challenge” der britischen Regierung illustrieren:  2011 kündigte die britische Regierung an, sie wolle gemeinsam mit Unternehmen, Organisationen, der Öffentlichkeit und weiteren Stakeholdern den Bürokratieabbau in Großbritannien vorantreiben. Veraltete Regelungen hatten sich über die Jahrzehnte angehäuft und hemmten die Produktivität und Agilität von Unternehmen und Institutionen. Die Regierung versprach sich von einem Abbau der Bürokratie eine Verbesserungen der wirtschaftlichen Lage im Land. Die “Red Tape Challenge” sollte den Bürokratieabbau fördern und gestalten.

Über einen Zeitraum von knapp drei Jahren konnten Unternehmen, Organisationen, die Öffentlichkeit und weitere Stakeholder Anmerkungen zu den insgesamt 5.662 bestehenden Regelungen machen und Verbesserungsvorschläge einbringen. Die Regelungen wurden in 28 verschiedene Themenbereiche aufgeteilt. Jeden Monat stand ein Themenbereich zur Debatte. Nach Ende der vierwöchigen Konsultationsphase eines jeden Themenbereichs musste das entsprechende Ministerium innerhalb von drei Monaten zu den Vorschlägen Stellung nehmen, Entscheidungen treffen und Rückmeldungen an die teilnehmenden Stakeholder geben. Die Resultate der Red Tab Challenge können sich sehen lassen: Von den knapp 6.000 diskutierten Regelungen konnten 3.095 eliminiert oder substantiell verbessert werden. So führen zum Beispiel gelockerte Regelungen bezüglich der Anforderungen an die Buchhaltung kleiner und mittelständischer Unternehmen zu jährlichen Einsparungen von rund 300 Millionen Pfund. Insgesamt wurden – laut dem britischen Wirtschaftsministerium – in den ersten vier Jahren seit Beginn der “Red Tape Challenge” 10 Milliarden Pfund eingespart.

Die “Red Tape Challenge” ist ein klassisches Beispiel für crowd wisdom. Die britische Regierung versprach sich von dem Wissen der Stakeholder, die sich täglich mit den bürokratischen Regelungen konfrontiert sehen, konkrete Vorschläge und strategischen Rat, um den Bürokratieabbau erfolgreich umzusetzen. Mit anderen Worten: Die “Weisheit der Vielen” sollte die Qualität des Bürokratieabbaus steigern. Auf der anderen Seite könnte die “Red Tape Challenge” auch als Form des Crowdsourcing betrachtet werden, wenn man den Effizienzgedanken in den Vordergrund rückt. Der Effizienzgewinn besteht dabei darin, dass durch die Zusammenarbeit der teilnehmenden Stakeholder ein Maßnahmenkatalog für den Bürokratieabbau entwickelt werden konnte, und zwar ressourcensparender und schneller als wenn die Regierung nicht die “crowd” involviert hätte.

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Quellen: Crowdmed.com; Wired.com; Crowdsourcing.com; gov.uk; gov.uk; webarchive.gov.uk; oecd.org;
Anna Welbers
Projekt Managerin
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